Estoril: Der Klassiker im mondänen Seebad

22. Mai 2013 | Von | Kategorie: golfplätze, golfplätze europa

Klassische und schon lange bestehende Golfclubs mit ihren Plätzen haben etwas Anziehendes. Ist es die sehr eingewachsene und naturverbundene Vegetation, die topmoderne Neuanlagen eher selten bieten können oder doch eher das Drumherum wie Clubhaus und Co, was den Reiz und die Wurzeln des ursprünglichen Golfspiels spüren lässt? Beim Club „Golf do Estoril“ mit dem Beinamen Palácio, er ist im Besitz des gleichnamigen 5-Sterne Hotels im Seebad Estoril etwa 25 Kilometer westlich von Lissabon, treffen sicher beide Kriterien zu.

Neben der rechten Flanke des 13. Grüns (Par 3) wartet ein Teich, vor dem Tee und links nur Bäume und Sträucher

Neben der rechten Flanke des 13. Grüns (Par 3) wartet ein Teich, vor dem Tee und links nur Bäume und Sträucher

Schon 1929 erschuf der bekannte Platzdesigner Mackenzie Ross mit feinem Händchen zuerst einen 9-Loch Platz, der nach Erweiterung auf 18 Bahnen in den Hügeln oberhalb von Estoril zum Klassiker wurde. Etliche Male machte auch die Portuguese Open der Profis hier Station. So die Theorie. Vorstellbar war es nicht so recht, hier einen schönen Golfplatz im Grünen zu finden, wird doch der 18-Loch Platz durch die belebte Autobahn A 5 in zwei Teile getrennt. Trotzdem wurde die Empfehlung eines einheimischen Golfers beim letzten Besuch des Ortes Cascais aufgegriffen und eine Startzeit über eine portugiesische Agentur mit Sitz an der Algarve gebucht.

Wer mit dem Auto unterwegs ist, sucht im Uferbereich des Ortes Estoril wohl lange nach einen Hinweisschild, das zum Golfplatz weist – und findet letztendlich wohl auch keines,. Da der Platz im Norden liegt, wählt man im Bereich des Casinos die große Strasse „Av. dos Bombeiros Voluntários“ in eben diese Richtung, die nach Durchqueren eines Wohngebietes in die gesuchte „Avda. da República“ übergeht. Sobald das Schild „Golf“ linkerhand zu sehen ist, muss schlagartig reagiert und abgebogen werden. Der Parkplatzbereich für Gäste wirkt hier etwas unstrukturiert und eng. Mitglieder haben es hier besser und parken auf befestigter Fläche direkt vor dem Clubhaus. Das Auto könnte hier auch offen stehen bleiben, da die Security das Gelände stets bewacht.

Sehenswerter Oldie: Das Clubhaus

Hier erwartet den Spieler auch kein gläserner Designbau samt Valetservice, sondern ein offenkundig schon betagteres Gebäude mit langer Geschichte. Doch das hat Charme, denn der Einfluss britischer Golfkultur hielt hier wohl von Beginn an Einzug. Dies ist nicht nur an den Autokennzeichen der diplomatischen Fraktion auf dem Parkplatz zu bemerken, sondern auch an der gemütlichen Einrichtung im Clubhaus sichtbar wie an den Wortfetzen im Hause hörbar. Hohe Decken im Parterre und einen Touch von Pubatmosphäre mit schweren braunen Ledersessel in der Gastronomie des Untergeschosses. Auch der Locker Room (Umkleiden) ist für Mitglieder moderner Clubs eine eher nicht gelebte Erfahrung. Eine wahre Galerie von dunkelbraunen Holzspinden mit Namensbeschriftung kann in britischen Clubs kaum anders wirken, was sich hier auch in den Namen selbst widerspiegelt.

Klassisch und historisch angehauchtes Clubhaus mit seinen drei Terrassen samt schönem Putting Green

Klassisch und historisch angehauchtes Clubhaus mit seinen drei Terrassen samt schönem Putting Green

Nach einem kurzen Ortscheck an einem Sonntag vor der Runde waren nur Spieler/innen mit Trolleys auf dem Gelände zu sehen. Im Sommerurlaub tendiere ich aber, abweichend zur sonstigen Philosophie, eher dazu, einen Buggie zu nehmen. Obwohl der 18-Loch Kurs von Estoril als hügelig beschrieben wird, nahmen wir bei 30 Grad und Sonnenschein zwei Trolleys, die sicher auch schon bessere Tage gesehen hatten. Das sich diese Entscheidung als eklatanter Fehlgriff herausstellen sollte, bemerkten wir spätestens am Schwächeln nach dem elften Grün. Zwar gäbe es alternativ die Möglichkeit, einen der Caddies des Clubs mit auf den langen Weg zu nehmen, doch hätte dies einen gewissen dekadenten Beigeschmack hervorgerufen. Ausserdem sahen die Herren in ihrem separaten Wartehäuschen nicht so fit aus, als würden sie mehr als sechs Spielbahnen mit einem elf Kilo Bag durchhalten. Dieser Service an sich ist jedoch einzigartig in ganz Portugal – man erkennt also den selbst gesetzten Stellenwert des Clubs. Übrigens fand am eingangs erwähnten Sonntag ein Einladungsturnier statt …

Minimalistisch trainieren

Ein kleiner Fußmarsch ist schon gefordert, wenn noch etwas Einschlagen auf dem Programm steht. Da sich die dort angesiedelte Golfschule im Web gut vermarktet, wurden tolle Möglichkeiten bei den Übungseinrichtungen erwartet. Trugschluss. Die mickrige Driving Range bot nur einige der ungeliebten Plastikmatten, die überdachten Abschlagplätze in einem zweistöckigen Betonklotz hatten etwas von Nachkriegszeit und ein echter Weg zum Chipping Green war schwer aufzufinden. Wer allerdings unter Realbedingungen vor der Runde richtig schön putten will, braucht gar nicht so weit zu gehen: Direkt vor dem Clubhaus befindet sich ein großes samtenes, nett onduliertes Putting Green von bester Qualität.

Ein Mickey Mouse-Platz mit Par 69 ?

Von den gelben Tees haben es die Herren hier ganz leicht. Mit gut 5.000 Metern echter Bahnlänge bei einem Platzstandard von 69, einem Course Rating von daher nur 66,8 und dem Slopewert 120 erwartet jeder eine ganz geschmeidige 18-Loch Trainingsrunde. So steht es wenigstens auf dem Papier. Dass die Praxis sich aber manchmal doch anders darstellt als es nackte Zahlen vermuten lassen, zeigt der Blick auf die Scorecard nach der Runde. Was der Architekt Mackenzie Ross hier in die eher beengten Flächen zwischen Pinien, Eukalyptusbäumen und hohen Kiefern gezaubert hat ist beachtenswert. Auf dem Platz des „Golf do Estoril“ gleicht nicht eine Bahn der anderen und es sind laufend taktische Überlegungen zur Spielweise und Schlägerwahl gefragt.

Wenig Spielraum beim 12. Abschlag - das Grün wird erst nach dem Dogleg sichtbar

Wenig Spielraum beim 12. Abschlag – das Grün wird erst nach dem Dogleg sichtbar

Mal hat das Fairway die bequeme Breite und Übersichtlichkeit einer Landebahn wie am Loch 10 im Platzteil auf der anderen Seite der Autobahn (Par 5, 425 m). Mal ist es aber auch ganz anders wie auf der sehr stark erhöhten Teebox der Bahn 12. Das Layout sieht so faszinierend eng aus, links droht die Ausgrenze mit einem Zaun samt üppig wilder Vegetation und rechts möchten sich steinalte und riesige Bäume mit ins Spiel einmischen, dass man innehält. Das Par 4 mit 311 Metern führt steil bergab und endet unten subjektiv in einem Rechtsknick, wo dann Bäume die Sicht zum kleinen Grün versperren.

Wer nun hofft, dass wenigstens die Par 3’s locker von der Hand gehen, irrt. Jedes der fünf Par 3-Löcher hat seine Tücken parat. Große Grüns gehen einher mit engen Einflugschneisen und Bunkerdrapierung, kleinere Grüns warten mit treffsicher angeordneten Wasserhindernissen auf. Obendrauf gibt es noch feine Ondulierungen, die zwar sichtbar, aber schwer berechenbar sind – die durchgehend fast perfekten Oberflächen tragen dazu bei. Überhaupt keine Streuverluste lässt etwa die Bahn 13 zu: Vor dem Abschlag lauert viel Natur, die hochgelegene Landezone ist eng und unbarmherzig. Wer hier Querschläger verursacht, liegt im Wald oder dem Wasserhindernis und darf nachlegen.

Bahn 16 (Par 3, 166 m): Die Schwierigkeiten wie eine tiefe Mulde hinter dem Grün sowie drei Bunker sind vom Tee nicht zu sehen

Bahn 16 (Par 3, 166 m): Die Schwierigkeiten wie eine tiefe Mulde hinter dem Grün sowie drei Bunker sind vom Tee nicht zu sehen

Die Spielbahnen 1 bis 8 liegen auf der Seite des Clubhauses, die Folgelöcher 9 bis 16 beschreiben von der Anlage her ein weitläufiges Oval hinter der Autobahn. Um hierher zu gelangen ist das Überqueren einer Brücke nötig. Für Spieler mit Höhenangst ist aber vorgesorgt, denn sie ist etwas breiter und hat einen beidseitigen Schutzzaun. Nachdem nun der Platzmarshall am Grün der 11 endlich verstand, dass unsere Wasservorräte verbraucht waren und hier leider auch kein Versorgungs-Buggie vorhanden ist, wies er auf eine Bar am 12. Abschlag hin. Es kamen zwar starke Zweifel an der Wahrheit auf, aber zum Glück stimmte es wirklich. Eine mit Eisbrocken durchsetzte Cola mit gefühlten -5 Grad Temperatur war in dieser Situation rettend, die kühlen Getränke für den weiteren Weg gesichert.

Einen schönen Service hat sich der Club am Grün der 16, ein aufgrund des Autobahnbaus seinerzeit geändertes langes und schweres Par 3, einfallen lassen. Von hier geht es wieder zurück über die Brücke zu den beiden Schlusslöchern auf der Clubhausseite – aber leider viel zu steil bergauf, was Tragebag- oder Trolleynutzer vielleicht zum finalen Kollaps treiben könnte. Vom Abschlag nicht sichtbar hat sich rechts des Grüns ein Mitarbeiter mit einem Maxi-Cart samt Anhänger eine Haltestelle eingerichtet. Wer den Ball am 16. Grün eingelocht hat, wird hier freundlich empfangen, in das Cart gebeten und die Bags samt Trolleys auf dem Anhänger festgezurrt. Innerhalb von zwei Minuten hat das ungewöhnliche Transportgefährt die Anhöhe geschafft und die Brücke überquert, sodass es weitergehen kann, ohne außer Atem zu sein.

Ohne Frage: ein Must-Play Course

Golfende Besucher der Estoriler Küste am Atlantik in westlicher Richtung unweit von Lissabon sollten es sich nicht nehmen lassen, diesen Klassiker Portugals zu besuchen. Der Platz ist durch sein sehr bewegtes und schon fast romantisch begrüntes Gelände nicht nur schön anzusehen, sondern auch eine gehörige Herausforderung. Durch die zurückhaltende Länge muss man kein Longhitter sein, sondern nur mit ein wenig Köpfchen spielen. Die Fairways und insbesondere die Grüns sind gut gepflegt, alle Mitarbeiter im Club sind nett und zuvorkommend. Je nach Jahreszeit und Wochentag sind rund 50 bis 80 Euro an Greenfee fällig, was keinesfalls als überteuert gelten kann. Auffällig ist auch, dass es bis auf die direkt an die Autobahn angrenzenden Löcher fast idyllisch ruhig ist.

Blick über das Putting Green hin zum fernen Atlantik. Links davon das 18. Grün, rechts erhöht der Abschlag 1

Blick über das Putting Green hin zum fernen Atlantik. Links davon das 18. Grün, rechts erhöht der Abschlag 1

Als Tipps sind zu nennen: Startzeiten reservieren, genügend Bälle einpacken, im Sommer unbedingt einen Buggie nehmen, nach der Runde die schattige Terrasse im Erdgeschoss auf ein günstiges Getränk oder einen Snack besuchen und dabei den fernen Blick auf das Meer genießen. Wer unbedingt noch eine finale Erfrischung braucht, packt auch die Badehose ein, denn neben dem Clubhaus steht ein Pool zur Verfügung.

Platzdaten

Estoril Palácio Golf Course
Avenida da República
2765-273 Estoril
Portugal

Telefon: +351 214 680 176

Website: www.palacioestorilhotel.com/content/2/17/introducao

Platzdesign: Mackenzie Ross

Hcp-Beschränkungen: H 28, D 36

Reservierung von Startzeiten empfohlen.



Fotos: Thomas Klages

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